{"id":925,"date":"2016-07-25T05:18:28","date_gmt":"2016-07-25T03:18:28","guid":{"rendered":"https:\/\/schwarzrund.wordpress.com\/?p=925"},"modified":"2023-12-16T17:42:44","modified_gmt":"2023-12-16T16:42:44","slug":"sichere-raeume-und-trauma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schwarzrund.de\/?p=925","title":{"rendered":"Sichere R\u00e4ume und Trauma"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/archive.org\/embed\/sichereraeume&#038;playlist=1\" width=\"500\" height=\"150\" frameborder=\"0\" webkitallowfullscreen=\"true\" mozallowfullscreen=\"true\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Ich hatte gehofft, dass ich zu diesem Thema niemals etwas schreiben m\u00fcsste. Doch ich bin jetzt an der Grenze, dessen was ich aushalten kann. Dessen, auf das ich verzichten kann. Dessen, dass ich ausblenden kann.<\/p>\n<p>Wenn wir \u00fcber feministische, Schwarze, queere und andere separatistische Orte sprechen, ist es schwer dar\u00fcber nachzudenken wer dabei sein darf und wer nicht. Es gibt so selten Orte, an denen wir sein k\u00f6nnen, dass es uns schwer f\u00e4llt dar\u00fcber nachzudenken, dass manche nicht dabei sein werden. Wegen vorher Geschehenem, wegen Verhaltensweisen, letztendlich wegen Trauma. Es ist schwer, sich einzugestehen, dass auch wir gegenseitig Ausl\u00f6ser von Traumata sind. Und ich verstehe das. Und ich kenne das zu gut, wenn das Awareness Konzept besprochen wird, klingt es immer am Sch\u00f6nsten zu sagen \u201edas wir ein Ort f\u00fcr alle sein wollen\u201c. Nat\u00fcrlich sind da alle gleich dabei. Doch ein Raum f\u00fcr alle, ist meiner Meinung nach die gr\u00f6\u00dfte Gefahr um Menschen zu retraumatisieren mit dem Gef\u00fchl, doch nur f\u00fcr Gerechtigkeit\u00a0 sorgen zu wollen.<br \/>\nEin Raum f\u00fcr alle ist ein Raum f\u00fcr jene, die nicht von stalking, Grenz\u00fcberschreitung und Angst zerfressen werden.<br \/>\nEin Raum f\u00fcr alle ist ein Raum f\u00fcr jene die nicht sang und klanglos aus den Communitys verschwinden weil sie es nicht ertragen.<\/p>\n<p>Ich glaube die Tatsache, dass viele Menschen zu wenig \u00fcber Trauma, tats\u00e4chliches getriggert werden, Dessozieren usw wissen, ist der Grund f\u00fcr so viel Schmerz. Es ist auch wichtig zu wissen, dass meistens die T\u00e4ter*in trotzdem R\u00e4ume haben, und die verletzten Person sowieso schon von selber nicht kommen, wenn Sie wissen dass diese Person da ist. Sich aus allem raus ziehen. Auf einmal nicht mehr da sind, und alle sich zwar Fragen darum, aber keiner auf die Idee kommt, dass die T\u00e4ter*in, der Grund, mit Raum sitzt.<\/p>\n<p>Mittlerweile habe ich in Berlin nicht mehr die M\u00f6glichkeit aufzutreten, wegen dieser einen Person, habe in Berlin nicht mehr die M\u00f6glichkeit Teil der Schwarzen Communitys zu sein wegen dieser einen Person, mein letzter Raum waren queere Schwarze Kontexte, doch auch das ist jetzt vorbei. Als mehrfach diskriminierte Person sind diese R\u00e4ume nicht nur wichtig als Freizeitbespa\u00dfung,\u00a0 sondern sind Teil meiner \u00dcberlebensstrategie.<\/p>\n<p>Doch nat\u00fcrlich, f\u00fchle ich auf den Schmerz der Schwester. Deswegen bin ich zu keinem Stammtisch gegangen, deswegen \u00fcberlie\u00df ich jeden Raum. Deswegen versuchte ich, trotz meiner Verletzung und Beleidigungen die sie mir zugef\u00fcgt hat in den selben R\u00e4umen zu sein. Zweimal landete ich deswegen im Krankenhaus, wegen Panikattacken. Die anderen Male gab ich einfach auf. Ich will nicht erz\u00e4hlen, was zwischen uns passiert ist, weil ich ihr nicht die R\u00e4ume f\u00fcr immer verbauen will. Weil ich wei\u00df dass auch sie nur aus ihren Traumata handelt weil ich wei\u00df das dieses Trauma nur heilen k\u00f6nnen wenn es R\u00e4ume gibt, wo Menschen vertrauen in sie setzen.<\/p>\n<p>Aber ich sehe auch die Geschwister die wegen ihr keine R\u00e4ume betreten, ich sehe auch die Geschwister die ausgebrannt in der Ecke liegen seit einem Jahr, weil sie ihn alles genommen hat. Und ich sehe auch mich. Die seit Januar sich selbst Vorw\u00fcrfe macht, warum habe ich ihr geholfen? Warum habe ich nicht auf die Geschwister geh\u00f6rt, die mich vor ihr warnten? Warum wollte ich trotzdem f\u00fcr sie da sein? Wieso habe ich ihr geglaubt, obwohl doch alles was sie erz\u00e4hlte gegen Schwestern ging den ich h\u00e4tte glauben sollen?<\/p>\n<p>Dann denke ich an alle ihre Geschichten, \u00fcber Ihre Familie. Und dann denke ich aber auch an mich. Die in den letzten zwei Jahren mit dem \u00dcberleben st\u00e4rker k\u00e4mpft wie sonst, und gerade an den Zeitpunkt an dem es Berg auf gehen sollte, von ihr zerfleischt und zerst\u00f6rt wurde. Weil sie jeden der ihr hilft, zerst\u00f6ren muss.<\/p>\n<p>Und auch ich finde es deswegen nicht einfach. Ich finde es nicht einfach darum zu bitten auftreten zu d\u00fcrfen. Ich finde es nicht einfach, wenigstens einmal im Jahr darum zu bitten in einem Raum sein zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Nach 14 Stunden Dissoziation les ich die Facebook Nachrichten, meine fr\u00fcheren Freunde, die sich entschuldigen. Die wieder und wieder und wieder erkl\u00e4ren dass sie halt f\u00fcr alle da sein wollen. Nicht verstehen warum ich nicht darauf eingegangen bin, nur die H\u00e4lfte des Festivals dazu sein, damit sie die andere H\u00e4lfte haben kann. Die nicht verstehen warum ich nicht in einem Raum sein kann wenn sie im anderen Raum ist. Die mir Begleitschutz anbieten, und darum betteln\u00a0 das ich doch wenigstens f\u00fcr ein paar Minuten noch dazukommen w\u00fcrde. Die nicht verstehen, dass die Tatsache, dass sie nicht gleich gehandelt haben, bereits das Ende eingel\u00e4utet hat.<\/p>\n<p>Ich wurde insgesamt 17 mal gefragt, was denn passiert sei. Dass sie sie erst ausschlie\u00dfen k\u00f6nnten wenn sie das w\u00fcssten. Ich habe 17 mal mein Trauma erz\u00e4hlen m\u00fcssen. Wenn ich das vorher gewusst h\u00e4tte, w\u00e4re ich gegangen. Denn das, war genauso schlimm wie mit ihren Raum zu teilen. Das Gesichter, die ich so sehr liebte, mich fragend anschauten und immer wieder h\u00f6ren wollten was passiert war, zerriss mich. Und ich verstehe es aber auch so gut. Die Wahrheit ist, wir k\u00f6nnen als Awareness Team nicht von uns erwarten, in diesem Moment Gerechtigkeit walten zu lassen. Denn, wenn wir eine Verhandlung daraus machen, wird es nicht funktionieren. Nat\u00fcrlich ist die T\u00e4terin st\u00e4rker, nat\u00fcrlich h\u00e4lt die T\u00e4terin das aus, nat\u00fcrlich kann das Opfer dann selbst wenn es gewonnen hat, dies nicht mehr genie\u00dfen. Entweder wir entscheiden uns dazu, auch Menschen mit Traumata R\u00e4ume zu geben, entweder wir entscheiden uns dazu zu darauf zu vertrauen dass die Schwester die um diesen Raum bittet mit Sicherheit schon mehrere R\u00e4ume an die T\u00e4terin abgegeben hat, weil sie trotzdem das Trauma der T\u00e4terin sp\u00fcrt, oder wir geben die Aufgabe auf. Doch die Stunden, in denen ich im Raum gefangen war, nicht gehen konnte weil die T\u00e4terin vor der T\u00fcr stand, nicht gehen durfte weil alle erkl\u00e4rten, dass es schon werden w\u00fcrde, waren die schlimmsten. Die Tatsache dass die Freunde f\u00fcr mich einstanden nun v\u00f6llig verbrannt abreisten, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben, war das Schlimmste. Es w\u00e4re zielf\u00fchrender gewesen zu sagen: f\u00fcr uns ist es einfacher einer T\u00e4terin den Raum zu geben als dir. Bitte gehe. Es w\u00e4re auch ehrlicher gewesen.<\/p>\n<p>Und es w\u00e4re f\u00fcr mich sogar in Ordnung gewesen. Wir m\u00fcssen nicht alles k\u00f6nnen, vielleicht k\u00f6nnen wir auch keine R\u00e4ume erschaffen in den Personen mit Traumata sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch wenn wir es versuchen wollen, m\u00fcssen wir mit bedenken dass die Sekunde, nachdem das Opfer den T\u00e4ter gesehen hat, der Beginn des Leidens ist.. Dass eine Entscheidung innerhalb von wenigen Minuten gef\u00e4llt werden muss. Damit das Opfer aus der Situation herauskommt.<\/p>\n<p>Doch diese Praxis des Abwartens, verhandeln, beschlie\u00dfen im Team, f\u00fchrt nur zu mehr Trauma. F\u00fchrt nur zu mehr Entt\u00e4uschung. Das langsame Abw\u00e4gen der Gerechtigkeit, ist auch auf Staatsebene der Grund, warum Opfer so selten sprechen.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte darlegen, auf welche Arten diese Person Gewalt ausge\u00fcbt hat. Doch wozu? \u00c4ndert es etwas an dem was ich erlebt habe? Wenn du mir best\u00e4tigt das ich nicht zu leiden habe? Oder wenn du begreifst warum ich leide? Letztendlich habe ich allein mit dem erkl\u00e4ren, mit dem rechtfertigen der Person schon geben was sie wollte. Die T\u00e4terin hat den Raum bekommen den sie wollte. Sie ist wieder Zentrum meines Denkens.<\/p>\n<p>Als sich eingesperrt war, in diesem Raum immer das Wichtigste war, der mich dieses Jahr dazu gebracht hat zu \u00fcberstehen, sah ich, wie sie die Energien zog. Jeder der bei ihr nur wenige Sekunden war zerbrochen. War vollkommen hilflos. Es ist nicht an mir, und auch nicht einer Community, jedes Trauma zu heilen. Ich hatte sie auch als Teilnehmerin einen Workshop, da liegt so viel Schmerz. Und sie tut mir so leid, diese Schwester. Doch am Ende musste ich die Scherben auf sammeln, die sie zur\u00fcckgelassen hat. Musste ich die Geschwister auffangen, die sie zur\u00fcckgelassen hat.<\/p>\n<p>Deswegen habe ich auch nie darum gebeten, in mehreren R\u00e4umen sein zu d\u00fcrfen. Ich habe ihr alles sang und klanglos \u00fcberlassen, wusste das ich nicht stark genug bin sie auszuhalten. Lebte, damit dass sie all meine Grenzen ignorierte, mich immer wieder kontaktierte. Mich beleidigte, mich denuzierte.<\/p>\n<p>Und ich begriff nicht, warum dies keiner sah. Bis ich an mich selbst dachte. Wie ich geglaubt hatte, wie die Geschichten doch so plausibel schien, sie das Opfer der gemeinen anderen Geschwister. Wie sie mich genutzt hatte Geschwister auszuhorchen die nicht mehr mit ihr im Kontakt stehen wollten. Wie sie die eine Schwester, die die Flucht vor der Familie endlich erm\u00f6glichte, als Sklavenh\u00e4ndlern charakterisierte. Die jedes Detail, dass sie \u00fcber mich erfuhr, nutzte um mich weiter zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Und all diese Dinge muss ich wieder und wieder und wieder erz\u00e4hlen. Doch ich hab nie erz\u00e4hlt, was der eigentliche Kern ist. Ich schaffe es auch jetzt nicht. Es tat zu sehr weh.<\/p>\n<p>Doch wenn wir weiterhin, uns nicht trauen unseren Geschwistern Grenzen aufzuzeigen, dann werden diese auch nie lernen, wie sie heilen k\u00f6nnen ohne alle anderen zu zerrei\u00dfen. Und auch sie werden mehr mehr zerrissen, denn sie berichtete mir von all dem Schmerz weil so viele Menschen sie in so kurzer Zeit zur\u00fccklie\u00dfen. Dass so viele Menschen sich von ihr abkehrten.<\/p>\n<p>Wir tun weder den T\u00e4tern nach den Opfern ein Gefallen, durch langsame Reaktion. Denn am Ende, hat keiner von uns Raum nutzen k\u00f6nnen. Denn am Ende, waren alle zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Erst wir Anfang, den Opfern zu glauben, erst wenn wir erkennen lernen wie Schock, Dissoziation\u00a0 das Greifen nach dem letzten Halm Hilfeschreie sind, nicht noch den letzten Ort aufgeben zu m\u00fcssen, dann k\u00f6nnen R\u00e4ume erschaffen die auch f\u00fcr Opfer nutzbar sind.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen den Wunsch des Opfers h\u00f6ren und nicht wieder und wieder in Frage stellen. Den der ge\u00e4u\u00dferte Wunsch des Opfers ist unter Garantie schon ein gigantischer Kompromiss zwischen dem eigenen Wohl und dem der T\u00e4ter*in.<\/p>\n<p>Bis dahin werden die Safer Spaces den T\u00e4tern geh\u00f6ren, die niemals heilen werden, da sie \u00fcber Grenzen anderer rennen und deswegen doch niemals lernen werden, dass ihre eigenen Grenzen auch etwas sch\u00fctzens- und liebenswertes sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte gehofft, dass ich zu diesem Thema niemals etwas schreiben m\u00fcsste. 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