Alle meine Gefühle sind Gewinner // Neuprioritisierungen der Gefühle weißer Frauen

Nachdem ich erfahren hatte, dass meine Täterin verstorben ist, war da kurz Freude, die ich nicht hörte, denn greller war das Schuldgefühl. Ich dachte: das ist die normale Reaktion. Das wird nur die erste Emotion sein, danach kommen ganz viele andere, die es überdecken werden.

Die Schuldgefühle blieben, einerseits stecken sie in mir, andererseits wurde mir auch erklärt dass sie völlig berechtigt sind. Ich möchte darüber schreiben warum ich nichts davon halte die eigenen Gefühle zu verurteilen. Zugleich finde ich den meisten Kram der dazu geschrieben worden ist ziemlich scheiße, ich halte nichts davon so zu tun, als wären wir nie dafür verantwortlich was andere fühlen. Ich glaube Gefühle sind weder etwas das wir völlig außer acht lassen können, völlig parallel und unabhängig zur Realität besteht. Genauso wenig glaube ich das Gefühle eine Rechtfertigung für jedes handeln und reden sind.

ich weiß, damit Folge ich jetzt nicht so wirklich dem emanzipatorischen Kanon. Angeblich ist es doch so, dass der Schlüssel zur Freiheit darin liegt die Gefühle des Gegenübers, des Mächtigeren abzusprechen, wenn du ganz besonders radikal bist. Oder aber als Maßstab all für all dein Handeln zu nehmen und die Revolution drum rum zu basteln, wenn du ganz besonders liberal bist.

wenn du auch findest, dass diese Schubladen schrecklich Nerven hast du nicht so wirklich einen Kompass der dich leitet, hinzu einer Antwort auf die Frage: was soll ich eigentlich fühlen bezüglich meiner Gefühle?

Ich glaube wie wir mit Gefühlen umgehen, wie wir sie bewerten, hängt massiv damit zusammen wie unsere Eltern oder Sorge-Tragenden vorgelebt haben welche Rolle Gefühle einnehmen sollten. Meistens ist unser Entwurf dann: das genaue Gegenteil ist moralisch wertvoll!

Vielleicht ist das der Grund warum ich nicht so wirklich mit dem einen oder anderen Argument mitgehen kann, die Erwachsenen Personen in meinem Leben als Kind hatten vollkommen unterschiedliche Maßstäbe für die eigenen Gefühle und die Gefühle der anderen. Die eigenen Gefühle der weißen Frauen waren Maßstab dessen was sich ändern muss: genauer was sich ändern muss bei allen Menschen außer weißen Männern. Von den Gefühlen Schwarzer Menschen habe ich nur im Nachhinein erfahren, es schien eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass sie bei der Entscheidung von Dingen nicht ins Gewicht fallen würden. Sie wurden nur später erzählt, deine Schwester hätte dich sogern dabei gehabt, bei ihrem 16ten Geburtstag, Die Gefühle Schwarzer Menschen waren dazu da mir zu zeigen, dass ich geliebt wurde. Die Gefühle weißer  Frauen waren dazu da meine Gefühle als irrelevant zu kontextualisieren, deutlich zu machen: Nimm weniger Raum ein, viel weniger, du bist gerade zu viel und löst Unwohlsein sein in einem weißen Körper aus – stay in your lane.

 

Doch was ist jetzt mit dem Schuldgefühl, als Reaktion in mir aufs fühlen? Ich akzeptiere es genauso wie Gefühle die es verhindern möchte. Es muss sich dazusetzen, es darf nicht die anderen Gefühle aus meinem Herzen rausschmeißen.

 

Ich weiß aber auch woher es kommt, wozu es historisch gedient hat, dieses grundlegende Schuldgefühl in Schwarzen Latinx. Ich bin nicht mehr bereit dazu jedes meiner Gefühle zu verdammen. Ich bin nicht mehr bereit dazu alles in meinem Leben nach dem Sicherheitsgefühl weißer Frauen auszurichten, und weißer Männer die sie instrumentalisieren um uns zu unterdrücken.  Es ist ein verdammtes Privileg jegliches Gefühl von Verunsicherung als Stoppzeichen zu sehen, zu erwarten dass die Gesellschaft den Atem anhält und sofort alles umbaut. Vor allem wenn diese Verunsicherung nur darauf beruht dass das eigene Privileg auf einmal geteilt werden soll.

Mittlerweile habe ich Stufe 3 erreicht, was auch immer das bedeutet. Nach jedem Gefühl antwortet weiterhin als erstes das Schuldgefühl schlicht und einfach weil ich gefühlt habe, doch direkt danach ist da ein neues Gefühl: Mitgefühl. und Mitgefühl erlaubt mir mit mir in einen Dialog zu gehen, mich zu Fragen warum Ich fühle was Ich fühle. Das ändert nichts daran, dass der Großteil der Welt weiterhin die Gefühle für Menschen wie mich ignorieren wird, doch zumindest spiel ich da nicht mehr mit.