Decolonize: Neue (weiße) queere Normen

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Hinter vorgehaltener Hand ist die neue Norm queer=poly zwischen Schwarzen queers/Queers of Color verflucht oft Thema.

Freund*innenschaft, Bekanntschaft, „mensch kennt sich halt aus der Community“, RZB, romantische Beziehung(en) , Wahl-Familie, poly oder monogam. „Den Standard verändern, die Norm verschieben“ war in weißen queeren Communities  auch das Ziel von Kämpfen.

Die Radikalen wollen „ein Familienbild das nicht hetero-normativen Normen folgt “ (westliche Normen die das eigene Leben aber finanzieren durch generationale Privilegien), die Liberalen fordern die Vorstadt-Ehe für alle (alle meint hier schweigend: cis-Personen mit Staatsbürgerschaft).

Nur in einem sind sich alle einig: ihr Weg ist ganz anders, ein bisschen besser und wäre die einzige Option endlich die Community zu vereinen.

Denn es gilt:

„wenn wir endlich die monogame Beziehungsform aufgeben, ist es auch eigentlich mit dem Patriarchat vorbei!“

„Wenn alle heiraten können, herrscht endlich gesetzliche Gerechtigkeit, wenn es ums Erben, die Versorgung im Krankheitsfall oder das adoptieren geht!“

„Wenn Queers endlich alle Monogam werden, könnten wir der heteronormativen Gesellschaft zeigen: Wir sind gar nicht so anders, ihr habt keinen Grund uns unsere Rechte abzusprechen!“

Aber, wie Mignolo gesagt hat:

Once again, the goal of decolonial options is not to take over, but to make clear, by thinking and doing, that global futures can no longer be thought of as one global future in which only one option is avaidable; after all, when only one option is available, „option“ entirely loses its meaning.

(Mignolo 2011, S. 24)

Wenn also radikales neu_Denken von zwischenmenschlichen Beziehungen nicht darin enden kann eine einzige Option zu haben, was bedeutet das für unsere lieb gewordenen Normen in der Community? Wenn also unsere neuen Normen weiterhin in einer kolonialen Welt passieren: wie können wir radikal neu_Denken ohne dabei alten Machtgefügen in die Hand zu spielen? Oder, deutlicher ausgedrückt: solltest du die gesellschaftliche Normen über Bord werfen in dem Moment wo sie einer Schwarzen Person Sicherheit geben? Ist es gerade die Queere Beziehung zu einer Person aus einem Kulturkreis in der Poly-Sein gesellschaftliche Norm ist, in der du Poly sein als radikale Akt als Standard anwendest, nicht kommunizierst und „einfach davon ausgehst“, dass er_sies auch geil und radikal findet, obwohl die eigenen gesellschaftlichen Erfahrungen ihr_ihm einen komplexeren Einblick lieferten?

Let’s Schweigen für die Norm

Ich habe den letzten Monaten viel darüber nachgedacht, wie sehr Schweigen Teil von Normen ist. Ein alter Hut, wenn wir über kritisches Weißsein, hetero-/cis-sexistische Normen oder nicht-behinderte Perspektiven sprechen:

Kritisches Weiß-sein: Ein Schmink-tisch bei einem Anti-Ra Festival, alle Foundations Schneewandweiß.

Hetero-/cis-Sexismus: Kinderbücher, Hetenpaare und Geschlechtsteilverkündungspartys.

Ableismus: Veranstaltungsankündigungen ohne Barriere-Angaben.

 

Doch wo schweigt der durchschnittliche weiße Queer besonders laut, weil er eine neue, für sich gemütlichere Norm hier besonders gut ertesten kann? Warum fordern weiße Queers ohne migrationserfahrung ihr neues Pronomen besonders laut und Schuld-behaftet bei der Personen ein die sich gerade in einem neuen Sprach-Umfeld bewegt (aber findens bei anderen voll verständlich)?

 

Ich stelle Fragen, statt Antworten zu geben, weil die Antwort sowohl schmerzhaft wie offensichtlich ist: Queering als radikales Konzept aus weißer Hand hat historisch gesehen einen bitteren Beigeschmack gegenüber Rassismus-Erfahrenen, das macht auch vorm Privaten, vorm daten, nicht halt.

 

Kann das gequeert werden, oder ist es dafür zu Schwarz?

 

Das offensichtlichste Beispiel ist vielleicht die Musik-Wahl des durchschnittlichen queeren Clubs: da werden rassistische, queer- und behindertenfeindliche Schlagersongs  gespielt, um der so bösen queer-feindlichen Mainstream-Musik zu entfliehen. Mainstream ist hierbei: Schwarze Popmusik, HipHop, alles was vielleicht weniger oder genauso schlimm ist, im Bezug auf die Kategorien Queer und Behinderung, aber sich erlaubt weiß sein nicht zu stabilisieren.

Die neue queere Norm ist also nur für manche bequem, und vielleicht ist das der traurigste Aspekt an dieser ganzen Frage, dienen queeren Neuinterpretationen von Beziehungen ausschließlich der erhöhten Bequemlichkeit weißer Menschen?

Und wenn ja muss ich einfach ganz dekolonial Fragen:

auf welchen Schmerz beruht euer Unwillen zu erfragen warum und welche Beziehungsform Dating-Partner of Color/ Schwarze  Dates sich wünschen, woher kommen eure Vor-Annahme und warum investiert ihr nicht die Arbeit sie in Frage zu stellen, warum konntet ihr Ursula fragen, aber Schwarze Femmes, Frauen, Männer… nicht?

Euer Schweigen aufgrund von Vorannahmenzeigen sich anhand kolonialer Trenn-Linien.

Es ist laut um das Thema der Frage nach Beziehungen und Freund*innenschaften geworden, doch im kolonialen Stil verhandeln die meisten Tweets, Artikel und Podiumsdiskussion die Frage nach: Was ist das bessere: Poly oder monogam? Es kann einfach nur eine Option geben.

Sie Fragen nicht, historisch richtiger: heutzutage gibt es Gesellschaften die sich auf dem Spektrum monogam bis Poly  ganz unterschiedlich veroten. Trotzdem sind Beziehung überdurchschnittlich und durch alle Beziehungsform hindurch Für Schwarze Frauen/Queers/ of Color ein sehr viel höheres gesellschaftliches, finanzielles und gesundheitliches Risiko wie für Männer. Gerade weiße Männer haben gesellschaftlich und innerhalb der Beziehung wie auch beruflich den höchsten Gewinn.

Wie kann das sein?

Und: wenn es unabhängig von Poly oder monogam so ist: was macht die moralische Höher-Einstufung des einen mit denen die durch Beziehungen als gesellschaftliche Grund-Form eh schon weniger privilegiert sind?

In meiner Heimat ist es normal das viele weiße und light-skin Männer nicht monogam leben, doch das entspricht nicht den Fähigkeiten, Bedürfnissen und Lebensplanungen aller. Doch es herrscht Schweigen statt Aushandlung.

In der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland wird die Norm beschrieben das alle Menschen monogam sein sollten, doch auch das entspricht nicht den Fähigkeiten, Bedürfnissen und Lebensplanungen aller. Doch es herrscht Schweigen statt Aushandlung.

 

In der queeren Szene Deutschlands wird die Norm herbeigewünscht, das poly die Grundannahme sein sollte, doch das entspricht nicht…

 

und sollte es auch nicht, denn Queering ist zum Scheitern verurteilt, wenn es ein „dagegen“ beschwört, wo es global gar kein eindeutiges dafür gibt. Sich besonders queer zu fühlen weil du poly bist zeigt: dein kultureller Refernzrahmen ist äußerst kolonial geprägt. Du gehst von der Norm eines kleines Stückchens Erde aus und findest: alle die eher Anti drauf sind, sind doch auch sicher hier anti also poly.

 

Die Ressource: Beziehung

 

Viele Queers sind mit anderen Normen groß geworden, die Grenzen sind undeindeutig. Sowohl monogame wie poly Normen wirken sich, global betrachtet negativer aus auf Schwarze Queers/Frauen aus. Doch in den Gesprächen und Workshops wird eine Grenze immer deutlicher: weiße Queers können gut früh miteinander aushandeln ob sie poly oder monogam sind, denn in ihrer weiß geprägten Vorstellung kann es schon sein das Anne-Lise vielleicht doch gern „wen für sich hätte“, schließlich ist Anne-Lise weiß. Doch das radikale Schweigen, das Befeuern der Norm, das davon-ausgehen das nichts verbindlich oder gar exklusiv ist wird erprobt und praktiziert an Schwarzen/oC Frauen/ Schwarzen Queers/Queers of Color.

Eine koloniale Tradition, denn mit der Schwarzen Versklavten zu schlafen galt auch in monogamen Beziehungen des 17ten / 18ten Jahrhunderts nicht als voller Ehebruch. Eine Schwarze Versklavte konnte sogar ins Herrenhaus Einzug erhalten und „zur Frau genommen“ werden, hatte jedoch keinen Anspruch auf eheliche Rechte wie Erbe, Monogamität des Partners und das daraus folgende Recht der Scheidung.

Ehen und verbindliche Beziehungen sind immer eine Ressourcenreduktion auf jene, die dem Schönheits/wert und der „Mensch“- Norm entsprechen, das Private ist politisch geprägt. Sich umeinander kümmern, zusammen leben, Geld zusammen kostensparsamer einsetzen – wer mehr Zugang zu Beziehungen hat, die den eigenen Bedürfnissen gerecht werden, hat mehr Zugang zu kapitalen Gütern und gesellschaftlicher Macht.

Die Annahme das ein Schwarzer Körper/Körper of Color sich keine Exklusivität in der Beziehung mit einer weißen Person zu erhoffen hat, gesellschaftliches Codes die ohne Artikulation kommunizieren- das hier ist monogam, exklusiv- zu bedienen ohne sie zu meinen,  ist nichts besonders Gequeertes, keine neue coole Norm. Es ist ein Auslöschen von Optionen queeren Lebens für jene, die nie von der monogamen Norm profitiert haben. Und damit, unabhängig vom Funken des „Neuen und ganz anders“ eine koloniale Praxis.

 

*Mignolo, Walter D. (2011): The darker side of Western modernity. Global futures, decolonial options. Durham: Duke University Press (Latin america otherwise). Online verfügbar unter http://site.ebrary.com/lib/alltitles/docDetail.action?docID=10516146.

 

 

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