Stadt – Land- Bruch

Bei diesigen 39 Grad Innenraum-Temperatur schmilzte ich damals in einem schlecht besuchten Seminarraum. Es waren 7 Studierende, die sich trotz der Hitze und des wenig verlockenden Themas in diese bekleidete Version der Sauna begeben hatten.
Das Thema klang auch wenig verlockend „Kulturarbeit auf dem Land“ – das gegenteil aller berliner Kultur*arbeiterinnen träume. Nicht das krasste Stadtheater, oder der neue Elektroschuppe -weder das krasse Elektrofestival noch sonst etwas waren Thema. Sondern Bauern und Bäuerinnen – und mein 22 jähriges ich fand.es.ätzend.

Heute würde ich gerne in die Vergangenheit reisen und mich dafür ein bisschen ohrfeigen. Denn nach der US Wahl, nach dem Türkeireferendum klingt dieses Seminar in mir immer wieder nach.

Nicht das ihr mich falsch versteht, ich bin mir ziemlich sicher das der Hauptgrund für die US Wahl white supremicy war und ist. In der Türkei wage ich gar nicht erst den Hauptgrund zu benennen, viel zu wenig Verständnis meinerseits für die politische Situation dort.

Ich denke einfach viel an dieses Spaltungsgefühl zwischen Städter*innen und Menschen auf dem Land, dass nun auch im Bezug auf die USA und die Türkei immer wieder erwähnt wird. In Ankara und Istanbul sind selbst nach den jetzigen (eher hanebüchenen) Auszählungsmethoden die Mehrzahl für das Nein gewesen, die Prozente auf dem Land, eher anders verteilt.

Genau dort wollte die Kulturarbeit auf dem Land ansetzen, und ich fand es SO fragwürdig. Warum sollte ich mich, als Schwarze queere Person, dort aufs Land wagen und mit ihnen -nicht etwa pädagogisch für sie – Kultursachen machen die denen da auch noch gefallen? Tze. (Ja, wie gesagt, ohrfeige.)
Aber vielleicht ist genau das auch diese Spaltung, wenn auch in Deutschland so kontinuierlich und dramatisch noch nicht benannt. Einerseits kann ich mich dort nicht sicher bewegen (andererseits: in Berlin ja auch nicht, bin ja trotzdem hier.) Anderanderseits ist ein berufliches Setting nochmal etwas anderes. Auch dort gibt es Schwarze und PoC die sich abgeschnitten fühlen, genau wie in Deutschen Städten durch die ich deswegen WE-Schwarze Posie auf Reisen touren lies.

Die Frage die sich mir gerade stellt ist: Ist diese Abgeschnittenheit wirklich eine krasse Einbahnstraße? Sind nur die Städter*innen schuld die sich vom ländlichen so gut es geht distanzieren wollen? Sind nur die Menschen auf dem Land schuld weil sie sich so verhalten, dass marginalisierte dort nicht arbeiten wollen?

Ich frag ja bloß, bleib dabei aber ratlos. Merke aber auch, dass meiner früheren Begeisterung „schnell mit dem Rad nach Brandenburg rein und Wildcampen“ mittlerweile keine Taten mehr folgen, in Zeiten von AFD etc. ist die Angst dann doch stärker wie die Sehnsucht nach Landluft.
Naja und wenn ich Kultur (dieser Begriff allein schon) sehen will, dann sollte ich danach eh nicht auf dem Land su – zack, ohrfeige.





Zum Abschluss aber ein Projekt, dass mir sehr gefallen hat, ist „Ein Dorf tut nichts“, 2000 entstandem im Rahmen des Festivals der Regionen. es geht um die Teilung zwischen Arbeit und Freizeit, die städtische Arbeit sehr prägt, während es auf dem Dorf eher ein ständiger Tätigkeitsmodus ist -und nun macht ein Dorf nichts, für eine Woche (oder: versucht es 🙂 )