Soundso viel Promille, 4 Reifen und ein Trauma

Montag Abend, Kino. Letzte Reihe, Sofa.

Der Film ist großartig, ich fühl mich wohl.

Ich habe natürlich den Film vorher gegoogelt „Boyhood Rassismus, Boyhood racism“ – es scheint alles okay zu sein-keine Triggerwarnung.

Der Film läuft:
Die Kinder sitzen mit dem Stiefvater im Auto, dieser ist betrunken und agressiv, er schreit, brüllt-nimmt die Hände vom Steuer, lässt das Auto fast unkontrolliert durch den Straßenverkehr rasen.

Mein Herz rast, ich höre, fühle, schmecke nichts mehr. Unbeteidigt überlegt mein Gehirn, warum ich gerade in diesen Schockzustand verfalle….

Achja, Kindheit.

Ich: 10 Jahre alt.

Meine Mutter hat seit zwei Tagen kein Bier getrunken, sie ist gestresst. Ich habe ihr daheim gesagt, dass sie mich verletzt hat mit Worten. sie befahl mir ins Auto zu steigen. Ich wollte nicht. Sie schrie. Ich versuchte aus der Wohnung zu kommen. Im dreckigen Tshirt und in Unterhose steht sie in unserer Straße und brüllt mir hinterher. Sie weint, hasst, beleidigt mich. Schnell gehe ich wieder in die Wohnung. Sie zieht ihre Jeans an, sagt das wir das klären müssen und einkaufen. Ich habe Angst zu wiedersprechen, sie hält einen Teller in der Hand und ich will nicht das dieser gegen die Wand fliegt – denn dann würde sie später behaupten das es meine Schuld war.

Ich steige also in das Auto. Ich habe von Anfang an Angst zu sterben.

Sie fragt verschiedene Sachen ab, wen ich antworte wird sie ausrasten, wenn ich nicht antworte auch.

Ich endscheide mich fürs klein bei geben, mich selber schlecht machen auf Mitleid hoffen. Sie fängt an zu sagen das ich damit recht habe, das ich gemein, dumm,fies und eine schlechte Tochter bin und sie täglich verletze. Ich kann nicht mehr und sage leise, ganz leise, das ich auch manchmal verletzt bin von ihren Worten.

Sie rastet aus. schreit, weint, nimmt die Hände vom Steuer. Das alte, weiße Auto schlittert, ich hoffe auf eine Ampel. Eine rote Ampel, da kann ich dann schnell rausspringen. Ich weiß nicht wo wir sind, habe auch kein Geld für ein Fahrticket aber will auch nicht daran Schuld sein das sie sich zu Tode fährt. Meine Angst gilt nicht mir – mein Tod wäre ok, denn ich scheine nicht wichtig zu sein und Menschen dazu zu bringen sich so zu verhalten. Aber ich will nicht auch noch an ihrem Tod schuld sein, meine Furchtbarkeit bringt sie schlieslich dazu so zu sein. Sie sagt, dass sie wegen mir so ausrastet – ihre Hände zittern vom Enzug des Alkohols. Die anderen Autos hupen, sie rast und rast, ich bin froh das wir immer alte Autos haben die nicht so schnell sind – mit 150 km/h durch die Stadt.

Desswegen habe ich unseren Bulli geliebt. Maximal 60 km konnte der, in einem alten Bulli mit 60 km zu sterben ist sehr unwahrscheinlich.
Ich habe das das damals übers Internet rausgefunden.

Google beruhigt.

Endlich eine Ampel, sie tritt auf die Bremse-wir stehen auf zwei Fahrbahnen-ihr ist das egal. ich weine und öffne blitzschnell die Tür-jetzt nur noch den Gurt lösen. Immer in der Reinfolge – selbst wenn sie es dann schneller schafft den Gurt festzuhalten wie ich, ist die Tür offen – bis jetzt hat sie das immer vom weiterfahren abgehalten.
Aber nicht heute.
Sie schreit ich soll die Tür schliesen ich schreie das ich raus will, das ich nicht in dieser Karre sterben will, das wir nicht in dieser Karre sterben sollten.

Sie hat die eine Hand am Gurthalter die andere auf meinem Knie um mich in den Sitz zu drücken. sie drückt mit dem Fuß aufs Gas. Ich brülle das ich die Tür schliese, ziehe die Tür ran und flehe sie an die Hände ans Steuer zu nehmen.
Sie grinst – sie hat gewonnen.
Sie berührt leicht das Steuer um einen Crash zu verhindern und sagt dann, dass ich sie ja zu so einem Verhalten zwinge.

Die Raserei geht weiter.

Irgendwie habe ich es immer überlebt, meine Mutter ist eine gute Autofahrerin, sie hat in der letzten Sekunde immer das Lenkrad rumgerissen.
Das sagt sie mir auch immer wenn sie sich beruhigt hat: es hätte ja nicht passieren können.
Ich antwortete immer: du weisst aber nie ob es doch mal zu spät ist.
Sie antwortete immer mit drohender Stimme: du traust  mir nicht mal mehr zu ein Auto zu fahren? Du bist so verletzend. Womit habe ich das verdient?

Klar traue ich dir das zu, es tut mir leid das ich dich beleidigt habe.

Eine weitere Fahrt bahnte sich an.

——-

Es hätte für diesen Film keine Form von Triggerwarnung geben können, die mir geholfen hätte-ich wusste nicht das diese Angst vor dem Tod so noch in mir steckt.

Trotzdem brach ich zusammen.
Trotzem weinte ich, zitterte ich, verlies den Saal, übergab mich und redete mir selbst stoisch 10 Minuten zu, dass sie mich nicht mehr so in Lebensgefahr bringen kann.

Was denkt ihr – gibt es Varianten um vor so etwas zu warnen oder ist es bei der Diversität an triggernden Möglichkeiten schlicht unmöglich?

7 Comments

  1. Pingback: Du, Mama? Ich mach Schluss |

  2. Hallo SchwarzRund,
    Es ist schwierig. Es ist möglich, vor bestimmten Formen von Gewalt zu warnen: Sexismus, Homophobie, Rassismus. Oder eben sexualisierte Gewalt, emotional gewalttätiges Verhalten, … . Aber für letzteres haben wir gar nicht die Worte. Wie heißt dass, wenn mir die Schuld für sein ausrasten in die Schuhe geschoben wird? Ich weiß es nicht.

    Vor einzelnen Momenten, die verknüpft sind für uns selbst mit Gewalt zu warnen ist fast unmöglich. Bei „El secreto en sus ojos“ bin ich fast zusammengeklappt, bei „Kroko“ blieb alles in mir ruhig. Manches triggert. Ein Geruch, eine Körperhaltung, ein Wort. Anderes nicht. Deswegen: Es ist schwierig. Aber es ist nie verkehrt, einen bewussten Umgang damit zu haben, dass ständig Gewalt passiert.

    Grüße,
    Frl. Urban

  3. Düse

    Hallo,

    leider steh ich gelegentlich vor ähnlichen Problemen wie du: Für meine Trigger gibt es keine Triggerwarnung. Zu ungewöhnlich, zu speziell. Das macht es schwerer, sie zu meiden. Nicht nur Filme oder Erzählungen, auch Handlungen von Freund*innen können triggern, weil sie nicht jedes Detail meiner Biographie kennen und dies nicht die Erlebnisse sind, die ich bevorzugt erzähle. Hinzu kommt, dass es mich manchmal nicht berührt, mir an anderen Tagen aber sehr zusetzt – je nach Grundstimmung.

    Ich wünsche mir, dass ich ernst genommen werde – was nicht immer passiert. Da „meine Trigger“ und „meine PTBS“ nicht im Bereich dessen liegen, was sich die meisten so vorstellen können, neigen manche dazu, mich nicht ernst zu nehmen. Und absolut nicht gebrauchen kann ich Tipps wie: „Dann pass‘ halt auf, dass dich nix triggert!“ Dankeschön, ich sperr mich einfach zu Hause ein und höre die Musik und schaue die Filme, von denen ich weiß, dass sie mich nicht triggern. Weiser Tipp und Danke für nix.

    Um auf deine Frage zurück zu kommen: Nein, es nicht zu vermeiden, dass Menschen getriggert werden. Es kann aber helfen, Strategien zu finden, damit besser klar zu kommen. Freund*innen und ich haben das ganz gut drauf, und mittlerweile habe ich für mich n paar ganz gute Vorgehensweisen. Nur schade, dass ich in ner Gesellschaft, die mich nicht geschützt hab, halt selbst gucken muss, wie ich klar komm‘ – und als kleines Extra noch der komische Kauz bin.

    Liebe Grüße.

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  5. kim

    …da fehlt dann immer noch was, aber wie wäre es mit einer Warnung, vor der Darstellung von Adultismus und Co-Abhängigkeit, von Alkoholkonsum und Drogenkonsum und vielleicht auch mal vor explizieter emotionaler und psychischer Gewalt… Danke für den Text!

  6. Hallo Leute,
    also ich bin da ganz radikal. Ich mag es auch ab und zu einen über den Durst zu kippen, aber hab mich danach nie NIE und würde mich auch NIE hinter das Steuer setzen. Finde ich irwie verantwortungslos und ich würde es auf 0 Promile setzen. Also sobald du irwie eine Spurt Alkohol im Blut hast und gefahren bist STRAFE!
    LG

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