Sichere Räume und Trauma

Ich hatte gehofft, dass ich zu diesem Thema niemals etwas schreiben müsste. Doch ich bin jetzt an der Grenze, dessen was ich aushalten kann. Dessen, auf das ich verzichten kann. Dessen, dass ich ausblenden kann.

Wenn wir über feministische, Schwarze, queere und andere separatistische Orte sprechen, ist es schwer darüber nachzudenken wer dabei sein darf und wer nicht. Es gibt so selten Orte, an denen wir sein können, dass es uns schwer fällt darüber nachzudenken, dass manche nicht dabei sein werden. Wegen vorher Geschehenem, wegen Verhaltensweisen, letztendlich wegen Trauma. Es ist schwer, sich einzugestehen, dass auch wir gegenseitig Auslöser von Traumata sind. Und ich verstehe das. Und ich kenne das zu gut, wenn das Awareness Konzept besprochen wird, klingt es immer am Schönsten zu sagen „das wir ein Ort für alle sein wollen“. Natürlich sind da alle gleich dabei. Doch ein Raum für alle, ist meiner Meinung nach die größte Gefahr um Menschen zu retraumatisieren mit dem Gefühl, doch nur für Gerechtigkeit  sorgen zu wollen.
Ein Raum für alle ist ein Raum für jene, die nicht von stalking, Grenzüberschreitung und Angst zerfressen werden.
Ein Raum für alle ist ein Raum für jene die nicht sang und klanglos aus den Communitys verschwinden weil sie es nicht ertragen.

Ich glaube die Tatsache, dass viele Menschen zu wenig über Trauma, tatsächliches getriggert werden, Dessozieren usw wissen, ist der Grund für so viel Schmerz. Es ist auch wichtig zu wissen, dass meistens die Täter*in trotzdem Räume haben, und die verletzten Person sowieso schon von selber nicht kommen, wenn Sie wissen dass diese Person da ist. Sich aus allem raus ziehen. Auf einmal nicht mehr da sind, und alle sich zwar Fragen darum, aber keiner auf die Idee kommt, dass die Täter*in, der Grund, mit Raum sitzt.

Mittlerweile habe ich in Berlin nicht mehr die Möglichkeit aufzutreten, wegen dieser einen Person, habe in Berlin nicht mehr die Möglichkeit Teil der Schwarzen Communitys zu sein wegen dieser einen Person, mein letzter Raum waren queere Schwarze Kontexte, doch auch das ist jetzt vorbei. Als mehrfach diskriminierte Person sind diese Räume nicht nur wichtig als Freizeitbespaßung,  sondern sind Teil meiner Überlebensstrategie.

Doch natürlich, fühle ich auf den Schmerz der Schwester. Deswegen bin ich zu keinem Stammtisch gegangen, deswegen überließ ich jeden Raum. Deswegen versuchte ich, trotz meiner Verletzung und Beleidigungen die sie mir zugefügt hat in den selben Räumen zu sein. Zweimal landete ich deswegen im Krankenhaus, wegen Panikattacken. Die anderen Male gab ich einfach auf. Ich will nicht erzählen, was zwischen uns passiert ist, weil ich ihr nicht die Räume für immer verbauen will. Weil ich weiß dass auch sie nur aus ihren Traumata handelt weil ich weiß das dieses Trauma nur heilen können wenn es Räume gibt, wo Menschen vertrauen in sie setzen.

Aber ich sehe auch die Geschwister die wegen ihr keine Räume betreten, ich sehe auch die Geschwister die ausgebrannt in der Ecke liegen seit einem Jahr, weil sie ihn alles genommen hat. Und ich sehe auch mich. Die seit Januar sich selbst Vorwürfe macht, warum habe ich ihr geholfen? Warum habe ich nicht auf die Geschwister gehört, die mich vor ihr warnten? Warum wollte ich trotzdem für sie da sein? Wieso habe ich ihr geglaubt, obwohl doch alles was sie erzählte gegen Schwestern ging den ich hätte glauben sollen?

Dann denke ich an alle ihre Geschichten, über Ihre Familie. Und dann denke ich aber auch an mich. Die in den letzten zwei Jahren mit dem Überleben stärker kämpft wie sonst, und gerade an den Zeitpunkt an dem es Berg auf gehen sollte, von ihr zerfleischt und zerstört wurde. Weil sie jeden der ihr hilft, zerstören muss.

Und auch ich finde es deswegen nicht einfach. Ich finde es nicht einfach darum zu bitten auftreten zu dürfen. Ich finde es nicht einfach, wenigstens einmal im Jahr darum zu bitten in einem Raum sein zu dürfen.

Nach 14 Stunden Dissoziation les ich die Facebook Nachrichten, meine früheren Freunde, die sich entschuldigen. Die wieder und wieder und wieder erklären dass sie halt für alle da sein wollen. Nicht verstehen warum ich nicht darauf eingegangen bin, nur die Hälfte des Festivals dazu sein, damit sie die andere Hälfte haben kann. Die nicht verstehen warum ich nicht in einem Raum sein kann wenn sie im anderen Raum ist. Die mir Begleitschutz anbieten, und darum betteln  das ich doch wenigstens für ein paar Minuten noch dazukommen würde. Die nicht verstehen, dass die Tatsache, dass sie nicht gleich gehandelt haben, bereits das Ende eingeläutet hat.

Ich wurde insgesamt 17 mal gefragt, was denn passiert sei. Dass sie sie erst ausschließen könnten wenn sie das wüssten. Ich habe 17 mal mein Trauma erzählen müssen. Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich gegangen. Denn das, war genauso schlimm wie mit ihren Raum zu teilen. Das Gesichter, die ich so sehr liebte, mich fragend anschauten und immer wieder hören wollten was passiert war, zerriss mich. Und ich verstehe es aber auch so gut. Die Wahrheit ist, wir können als Awareness Team nicht von uns erwarten, in diesem Moment Gerechtigkeit walten zu lassen. Denn, wenn wir eine Verhandlung daraus machen, wird es nicht funktionieren. Natürlich ist die Täterin stärker, natürlich hält die Täterin das aus, natürlich kann das Opfer dann selbst wenn es gewonnen hat, dies nicht mehr genießen. Entweder wir entscheiden uns dazu, auch Menschen mit Traumata Räume zu geben, entweder wir entscheiden uns dazu zu darauf zu vertrauen dass die Schwester die um diesen Raum bittet mit Sicherheit schon mehrere Räume an die Täterin abgegeben hat, weil sie trotzdem das Trauma der Täterin spürt, oder wir geben die Aufgabe auf. Doch die Stunden, in denen ich im Raum gefangen war, nicht gehen konnte weil die Täterin vor der Tür stand, nicht gehen durfte weil alle erklärten, dass es schon werden würde, waren die schlimmsten. Die Tatsache dass die Freunde für mich einstanden nun völlig verbrannt abreisten, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben, war das Schlimmste. Es wäre zielführender gewesen zu sagen: für uns ist es einfacher einer Täterin den Raum zu geben als dir. Bitte gehe. Es wäre auch ehrlicher gewesen.

Und es wäre für mich sogar in Ordnung gewesen. Wir müssen nicht alles können, vielleicht können wir auch keine Räume erschaffen in den Personen mit Traumata sein können.

Doch wenn wir es versuchen wollen, müssen wir mit bedenken dass die Sekunde, nachdem das Opfer den Täter gesehen hat, der Beginn des Leidens ist.. Dass eine Entscheidung innerhalb von wenigen Minuten gefällt werden muss. Damit das Opfer aus der Situation herauskommt.

Doch diese Praxis des Abwartens, verhandeln, beschließen im Team, führt nur zu mehr Trauma. Führt nur zu mehr Enttäuschung. Das langsame Abwägen der Gerechtigkeit, ist auch auf Staatsebene der Grund, warum Opfer so selten sprechen.

Ich könnte darlegen, auf welche Arten diese Person Gewalt ausgeübt hat. Doch wozu? Ändert es etwas an dem was ich erlebt habe? Wenn du mir bestätigt das ich nicht zu leiden habe? Oder wenn du begreifst warum ich leide? Letztendlich habe ich allein mit dem erklären, mit dem rechtfertigen der Person schon geben was sie wollte. Die Täterin hat den Raum bekommen den sie wollte. Sie ist wieder Zentrum meines Denkens.

Als sich eingesperrt war, in diesem Raum immer das Wichtigste war, der mich dieses Jahr dazu gebracht hat zu überstehen, sah ich, wie sie die Energien zog. Jeder der bei ihr nur wenige Sekunden war zerbrochen. War vollkommen hilflos. Es ist nicht an mir, und auch nicht einer Community, jedes Trauma zu heilen. Ich hatte sie auch als Teilnehmerin einen Workshop, da liegt so viel Schmerz. Und sie tut mir so leid, diese Schwester. Doch am Ende musste ich die Scherben auf sammeln, die sie zurückgelassen hat. Musste ich die Geschwister auffangen, die sie zurückgelassen hat.

Deswegen habe ich auch nie darum gebeten, in mehreren Räumen sein zu dürfen. Ich habe ihr alles sang und klanglos überlassen, wusste das ich nicht stark genug bin sie auszuhalten. Lebte, damit dass sie all meine Grenzen ignorierte, mich immer wieder kontaktierte. Mich beleidigte, mich denuzierte.

Und ich begriff nicht, warum dies keiner sah. Bis ich an mich selbst dachte. Wie ich geglaubt hatte, wie die Geschichten doch so plausibel schien, sie das Opfer der gemeinen anderen Geschwister. Wie sie mich genutzt hatte Geschwister auszuhorchen die nicht mehr mit ihr im Kontakt stehen wollten. Wie sie die eine Schwester, die die Flucht vor der Familie endlich ermöglichte, als Sklavenhändlern charakterisierte. Die jedes Detail, dass sie über mich erfuhr, nutzte um mich weiter zu zerstören.

Und all diese Dinge muss ich wieder und wieder und wieder erzählen. Doch ich hab nie erzählt, was der eigentliche Kern ist. Ich schaffe es auch jetzt nicht. Es tat zu sehr weh.

Doch wenn wir weiterhin, uns nicht trauen unseren Geschwistern Grenzen aufzuzeigen, dann werden diese auch nie lernen, wie sie heilen können ohne alle anderen zu zerreißen. Und auch sie werden mehr mehr zerrissen, denn sie berichtete mir von all dem Schmerz weil so viele Menschen sie in so kurzer Zeit zurückließen. Dass so viele Menschen sich von ihr abkehrten.

Wir tun weder den Tätern nach den Opfern ein Gefallen, durch langsame Reaktion. Denn am Ende, hat keiner von uns Raum nutzen können. Denn am Ende, waren alle zerstört.

Erst wir Anfang, den Opfern zu glauben, erst wenn wir erkennen lernen wie Schock, Dissoziation  das Greifen nach dem letzten Halm Hilfeschreie sind, nicht noch den letzten Ort aufgeben zu müssen, dann können Räume erschaffen die auch für Opfer nutzbar sind.

Wir müssen den Wunsch des Opfers hören und nicht wieder und wieder in Frage stellen. Den der geäußerte Wunsch des Opfers ist unter Garantie schon ein gigantischer Kompromiss zwischen dem eigenen Wohl und dem der Täter*in.

Bis dahin werden die Safer Spaces den Tätern gehören, die niemals heilen werden, da sie über Grenzen anderer rennen und deswegen doch niemals lernen werden, dass ihre eigenen Grenzen auch etwas schützens- und liebenswertes sind.

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