#BHM18 Podcast Musik und Migration




Distanzverkettung Transkript
Biographien die durch Musik bewegt wurden werden geschildert durch reiche, erfolgreiche, auffällige oder populäre Linsen. Berichte
ermöglichen zu sehen wie Musik das Zentrum eines Lebens sein kann, das wir nur durch den Fokus der Musik erkennen lernten.
Doch wie erklingt Musik und die Frage nach Biographie wenn wir diesen Faktor, den Punkt des Musiklebens in Verbindung setzen mit Biographien
die nicht oder nicht mehr im Zentrum stehen? Wenn die Grenzen zwischen Konsum, Produzieren und Spielen verschmelzen?
Die Sozialisierung durch Musik ist eine vielschichtige Erfahrung, deren Reflektion sich finden lässt in Zeilen, Klängen und in den verschwitzen
Konzertsälen die die Musik beheimten und ihr einen Ort der vollständigen Konzentation schenken.

Die Geschichtsschreibung, Wissenschaften und Literatur verlässt sich oft auf eine lineare Erzählung. Gestern heute und morgen sind klar
getrennte Elemente eines Plots der mit den jeweiligen Methoden rekonstruiert, kollagiert und archiviert wird. Der*die Rezipient*in liest die
Wörter, sortiert die eigenen Erinnerungen neu, es wird altes Wissen überschrieben und neues ignoriert.
Im Gespräch mit einem Merengue-Sänger und Musiker aus Bremen, antworte er auf die Frage was der Ursprung der
gemeinsamen Geschichte von ihm und der Musik sei:

»Ohne Vater zu sein brachte mich zur Musik. Ich musste von Kind an
arbeiten, mit 11 Jahren half ich in einer Bar aus in Tamayo. Die ganze
Zeit lief Musik, von Schallplatten oder aus dem Radio. Strom gab es in
meinem Elternhaus nicht [Anm.d.A.: In den Favelas ist die Strom, Wasser und
Telefonverbindung damals nicht existent gewesen, es gab meist ein
einziges Telefon für eine ganze Hüttengruppe, dies änderte sich erst in
den 2o00er Jahren] , hier kam ich in Kontakt mit Musik die ich bis
heute liebe. Kuba, Venezuela, Kolumbien, und Russland, alles erklang.
Zwischen Kumbia, Llanera und den großen Gefühlen der russischen
Musik von der ich kein Wort verstand und doch /verstand/. Peru, Mexiko,
Equador … All das an einem Ort zu hören ist das, was für mich
dominikanisch klang.«

Doch wann er zum Musikmachen fand, daran erinnert er sich nicht mehr. Klänge zu erschaffen wenn sich die Gelegenheit bat, war schlicht
»selbstverständlich.«

»Meine Musik ist in meiner Erinnerung, sie ist wichtig. Wenn ich an die
Musik denke, bin ich bei meinem Vater.«

Er berichtet davon, dass dieser Abwesend war in seiner Kindheit, es kaum positive Verbindungen gab, aber Musik gute Momente einfror,
zugänglich macht für sein jetziges ich.

»Musik bringt dich nicht an einen Ort zurück, Musik steht immer für
einen ganz expliziten Menschen und einen ganz expliziten Moment.«

Führt er aus und ergänzt »Und wenn dieser Mensch dann in der USA lebt
und ich in Deutschland, dann ist der Moment halt dort.«

Er lacht, wechselt ins Spanische, als ich frage, was er sagte, beginnt er
zu erzählen:
»Meine zweite Frau ist Deutsche, ich mochte die Musik die sie mir
zeigte. Ich dachte sie ist wichtig für sie. Es war aus dem Süden
Deutschlands, so bayerisches.« er unterbricht und jodelt »ich habe ganz
viele Schallplatten gekauft, für mich waren das Erinnerungen an uns,
gute Momente. Nach der Scheidung sagte sie mir, sie wollte es damals
zeigen um zu zeigen wie schrecklich Deutsche Musik ist.«

Selbst spielt er bis heute unzählige Instrumente: Klavier, Violine,
Saxophon und Bass sind seine liebsten Klänge.

»Aber ich kann nur wenige Noten schreiben, komponieren ist eine unnötig umständliche
Sache: Ich erzähle das Gefühl gleich durch die Klänge. Aber ein paar  kann ich schon schreiben und lesen.«

Er verscheucht diesen Gedanken durch ein Husten, erzählt davon wie es war nach Deutschland zu kommen, mit einer Musikkarriere im Gepäck
die auf regionalen Klängen beruhte.

»Damals, Ende der 80er gab es einen richtigen Trend. Zehn Jahre lang
war alles aus Lateinamerika angesagt, Salsa, Merrengue. Köln, Jena,
Oldenburg… wir traten überall auf.«

Auf die Nachfrage, wie es sich anfühlte die Musik vor Deutschen zu
spielen, unterbricht er mich:

»Total toll, großartig. Die haben garnix verstanden, aber gefühlt. In der dominikanischen Republik konnte ich
nur wenig von mir spielen, alle wollen da die Klassiker hören, die Lieder gegen die Diktatur von Trujillo. Hier konnte ich eigene Lieder spielen,
eigene Melodien.«

Merengue war unter Trujillo die Nationalmusik, wurde gefördert und
vom Diktator kontrolliert und beeinflusst. Das gerade in dieser
Musikrichtung unterschwellige Revolutionäre Elemente zu finden waren
und sind, ist in der langen Geschichte begründet. Tanz und Musik sind
schon seit der Zeit in der die indigine Bevölkerung vor der westlichen
Kolonialisierung entstanden, die Einflüsse der afrikanischen versklavten
Menschen formte den Merengue tipico und ist selbst bis heute im
Merengue Hip Hop stilprägend.

»Am Anfang gab ich jede Mark für Schallplatten aus.« Erzählt der
mitsechziger, »Ich holte mir all die Klänge in meine Wohnung,
Deutschland ist sehr leise. In dieser Stille hier fand ich wieder zur Musik.
Wieder, nachdem ich in meiner ersten Ehe die Musik hinten anstellte.
Meine Frau und meine Kinder waren wichtiger. Du kannst nicht Musiker
sein und Vater, das geht nicht.«

Er erzählt wie daran jede seiner Bands
zerbrach, er oder andere Musiker begannen mit der Musik weil sie ihre
Heimat vermissten, und verließen die Band um sich mit einer Familie
nieder zulassen.

»Es ist in Deutschland immer ein hin und her. Du kannst nicht beides sein, wenn du es richtig machen willst. Jetzt sind alle Kinder groß, meine vierte Ehe vorbei. Jetzt ist wieder die Musik dran, sie ist geduldig und bereit dich zu den Momenten und Menschen zurückzubringen. Dann  schwälgst du einige Jahre in deiner Heimat über deine Heimat und dann musst du wieder in die Gegenwart und die Musik verlassen.«

 

berichtet von der Liebe eines armen Mannes zu einer Frau, der er gesteht das er nicht besäße auser seiner Liebe.
Mit seinen 60 Jahren arbeitet er nun im Hafen, die Ausbildung erkannte der deutsche Staat nicht an, den Pass hat er aber nun in der Tasche.
Gerade gründet er eine neue Band, schreibt an neuen Texten. Das Internet verschiebt aber auch dies:»Alle schreiben mir. ›stell was auf Youtube!‹ New York, Santiago, Santo Domingo – jetzt singe ich auf Youtube, für die Familie.« und bis er neue Lieder geschrieben hat, singt er Klassiker. Merengue, Salsa, Bachata. Es geht um gebrochene Herzen und gescheiterte Revolutionen. Und das was die russische Musik für ihn bis heute wichtig macht: Das ganz große
Gefühl.