Femme – Queer, lesbisch oder Theoriemonsta?


Femme ist glaube ich der komplexeste Begriff der mich beschreibt. Ob das so stimmt? vermutlich nicht. Ich denke eher: der Begriff der am wenigsten zu greifen ist.
Gerade lese ich viele Theorietexte zu dem Thema, verbleibe beeindruckt wie verflucht unzugänglich diese sind. Als Ursprung der Identität wird oft nur die französische Bedeutung (Frau) und die lesbische binäre Rollenverteilung genannt (Femme/Butch). Doch ist dies wirklich der Ursprung der Genderverortung als Femme, der meinem Femme am nächsten kommt?

Der Begriff Femme ist gefüllt mit verschiedensten Attributen. Während weiße Feministinnen einer Schwester auf die Frage was Femme-sein ausmachen würde antworteten:
lange glatte Haare

gibt es Schwarze Femmes und Femmes of Color die es eher an einem ganz bestimnt unbestimmten Gefühl zum eigenen Körper, dem eigenen Wert in der Gesellschaft und der Wertschätziung sexistische verpöhnter Charaktereigenschaften ausmachen:
weich-sein.
Verletzlich sein.
Wütend hxysterisch sein.
Sexpositiv sein.
Ace sein.

undoderundoderund….
Verflucht viel Lippenstift in unpassenden Momenten tragen – Räume agressiv beschmeissen mit süßheit und sexyness.

Doch auch das gilt bei weitem nicht für alle, wird nicht von allen Femmes geteilt.

Schwarze Geschwister/ of Color ohne cis-Privilegien benennen es als radikale Aneignung von verbotenem. Nicht unauffälig verblenden wollen sondern in der ehrlichsten Variante des selbst kreischend bunt auffallen.

Und genau dort harkt dann viel Femmefeindlichkeit ein. Feministinnen die gerade noch leidenschaftlich gegen R*pe culture argumentierten, finden plötzlich, dass Femmes an erfahrener Gewalt selber Schuld sind. Zwingt sie ja keine*r so auffällig zu sein.
Femme ist immer ein extra, welches zwar gewählt werden kann, begehrt und gesehen wird aber doch als unnötiger Schnickschnack gilt. Eben wie bei Comicfiguren. Jener berühmter Schokoriegel der der Typ by default ist, während das Milchglas durch Lashes und Lippenstift als Femmy makiert wird:


Kritiken richten sich gegen die Paar-normativität, gegen die Genderdarstellung des Milchglases usw…. selten aber dagegen das Maskulinität als „ohne“ dargestellt wird. Wenn wir schon verflucht binär bleiben müssen, warum trägt der Schokoriegel kein schönen Hut, ein Cappy oder eine klumpige Armbanduhr?

Femme stammt aber wohl weder von Milchglasdarstellungen, noch alleinig aus der lesbischen Bewegung. Ein Ursprung könnte eben die femme fatale sein, dieser*m geht Hilmes nach, in einem Text der so zugänglich ist wie die Uni in deren Rahmen ich den Texte lese – nämlich gar nicht.

Femme fatales wurden entworfen als Gegenteil der Femme Fragile. Beide in der weißen westlichen linearen Geschichtschreibung zur Zeit des fin de siecle, so eine Vorgängerbewegung des Jugendstils.

Da geht es schon los, das ist verflucht unzugänglich! Ich möchte mehr über mich und meine Geschichte lernen ohne jedes zweite Wort nachzuschlagen. Da ich das nun aber musste, will ich wenigsten versuchen das ganze runter zu brechen für meinen Blog. Mit der Sicherheit sehr daran zu scheitern es beim ersten Versuch zu schaffen, daher: bitte, bitte fragt nach!

Vor dem fin de siecle also vor 1890 wurden Frauen vor allem als Tod dargestellt. Typ liebt sie, sie stirbt, er ist traurig. Typ liebt sie, sie stirbt er holt sie aus dem Totenreich, sie stirbt wieder er ist traurig. Auch die Eigenschaften waren cis-sexistisch: sie ist eine Jungfrau die dann im Nachspann tolle Kinder gebehrt, Wenn sie Glück hat. Vermutlich ist sie aber eher Tod. Damit der Held traurig sein kann.

Jap, das klingt wie 99% der Plots von Actionfilmen, Märchen oder Videospielen.

Was daran nicht schnarch-öde ist: hier wird schon festgelegt: der Dude kann nur weich sein wenn es von der Frau erweckt wird. er ist ein krass harter Hund, sie ist Tod, er darf weinen.

in dieser fin de siercle Geschichte dann wurde die femme fragile und die feme fatale einander entgegengesetzt.

Während die femme fragile zerbrechlich durch ihre AUAs dem Held erlaubt weich zu sein, eine Gesprächspartnerin sein darf und irgendwann geziemt gebährt, ist die femme fatale jene die den Helden völlig kirre macht. er weiß gar nicht mehr wohin mit sich, sie macht ihre eigene Kohle und ist plietsch (nicht ableistische bezeichnung für „schlau“) und lässt ihn meist fallen, was ihn völlig zerstört, der Dude darf trauern.

Also ist deren Funktion wieder die selbe, der Dude darf trauern, er darf weich sein – jene Eigenschaften haben die cis-sexistische Weltbilder an Maskulinität verbieten.

Dort hört dann aber auch der Hilmes-Text irgendwie auf.

Carola Hilmes, Seite 41: „(Nun) wird auch verständlich, warum die femme fatale (..) kein Modell der Emanzipation liefert.“

giphy

So als wäre die Verbindung zu dem Mann das Einzige, was diese Charaktere hätten. Klaro, sexistische Literatur ist damit schon recht gut angefüllt (er-sie-fertig), aber meist gibt es kleine Szenen die die femme fatale zeigen mit anderen femmes, Koleg*innen, anderen Sexarbeiter*innen, femme fragiles usw. der Dude wird eben nicht mehr Epi-zentrum ihres Handelns, sie verführt ihn und Krams aber macht auch anderen Shit in ihrem Leben.

Genau dem wird aber feministisches Potential abgesprochen „OMFG sie will cute für einen Typ sein, wie krass antifeministisch!“ was übersetzt heißt „OMFG wenn Femmes Femmy sind sind sie ja auch selber Schuld das sie Sexismus erfahren!“

Das ekelt mich krass an. Why? weil das keine Legitimation ist.

Nur weil Leude sich schminken und kokettieren heißt es nicht das sie ihre Menschenrechte völlig unnötig finden. Eine Sex-feindliche sexistische Gesellschaft ist der Grund warum anhand von Gender_darstellung entschieden wird, ob jemensch das anrecht hat Menschenrechte zu haben, nicht knall-lila Lippenstift, eine Handbewegung oder oder oder.

Femmes sind powerful, aber jetzt auch nicht so krass powerful wie ein Jahrtausende altes Gesellschaftsbild, welches ständig nach Ausreden sucht Menschen die nicht weiß cis hetero Dudes sind ihre Rechte auf Sicherheit und Wertschätzung abzusprechen.

Das ist etwas, das aber in weißen Feminismen sehr tief verwurzelt ist, thats ur pretty Leidkultur. Herzlichen Glückwunsch! Die altägyptische Spynx z.B. wird in so Mythologischen Zusammenhängen auch als Femme Fatale benannt, sie ist eine viel coolere Held*in (Mythengestalten waren nämlich nicht immer krass Cis-normativ 🙂 ) wie weiße cis Frauen die glauben das Jeanshose und Hemd den femnistischen Weltfrieden bringen weil das lästige femme-sein verschwindet dadurch. die Sphynx gab Reisenden Rätsel auf, sie war Rätselhaft, schön und plietsch. Wenn diese das Rätsel nicht beantworten konnten (meist verwirrt und aus Furcht vor ihrer Macht) verspeiste sie die lieben Wandersleute. Guten Hunger!

Also auch hier wieder: die Typen begegnen ihr, sind völlig verwirrt und sie entscheidet über deren Seelenheil.

Femme ist also kein neues Modewort der gemeinen Tumblr- Kiddies sondern ein ziemlich altes Konzept um cis-sexistischer Aufteilung (Frau-Mann-Fertig) etwas entgegen zu setzen ohne Femmeness zu verwerfen. Der Feminismus meiner Mutter sah so aus, dass alles weiche, zarte, kitschige antifeministisch war. was darin steckt ist nicht nur ein kleiner unrelevanter Nebenstrang, sondern zutiefst internalisierte r*peculture.

Röcke sind nicht an R* Schuld sondern jene die es tun +Gesellschaft.

Genauso wenig ist Femme sein an Sexismus schuld und der Schlüssel zu einer Welt ohne Abwertung von Femmeness nicht, dass es nichts weiches, zartes, soziales mehr gibt.

Nicht das Verhasste zu beseitigen ist der Schlüssel um die Mächtigen zu entmächtigen, sondern femmefeindlicher Feminismus wird so zum Handlanger des Sexistischen Systems. Denn wenn dieser selber alles Femmige beseitigt, braucht es keine Dudes mehr die uns abwerten. Das schaffen unsere Communities dann ganz von allein.

Die Gleichsetzung von Maskulinität und Natürlichkeit, Natürlichkeit  als etwas Erstrebenswertes und Femme als Falsch, Fake usw. ist nicht nur völlig nervig sondern auch zu tiefst cis-sexistisch, biologistisch, ableistisch und klassistisch.

Eine Butch-Freundin sagte mir zb. das sie es nun billigen könnte, dass ich Nicki Minaj liebe, wo sie doch nun etwas „natürlicher“ ausieht, eben nicht mehr so „plastikmäßig“. Kendrick Lamar wird als body positive gefeiert, weil er findet statt photoshop und make up sollten Schwangerschaftsstreifen gefeiert werden.

NATÜRLICH sollen sie sein, die Objekte der Begierde. Nicht etwa so wie sie halt gerade sein wollen oder es ihnen gerade den höchstmöglichen Sicherheitsstatus oder Lebensstandard sichert, sondern so, dass es in sein Konzept von Natürlichkeit passt.

Find ich natürlich scheiße.

Ich rocke meine Schwangerschaftsstreifen mit Fakelashes. Und wenn ich will versteck ich auch mal Schwangerschaftsstreifen. Als dünner Dude ist das nämlich scheiß-einfach zu sagen, immer über den Körper definiert zu werden hingegen ist anstregend und wie auch immer jene die Femmefeindlichkeit erfahren damit leben: ich feiere euch! Fotoshopt was ihr wollt, schminkt euch oder lasst es. Nichts daran ist Schuld an falschen Schönheitsnormen oder Sexismus. Daran Schuld ist, dass jene die nicht von Femmefeindlichkeit betroffen sind noch immer wollen, das wir eine gefälligst einheitliche Gruppe darstellen die irgendwie gut passt, ganz egal ob sie nun auf die femme fragile stehen oder eher auf die femme fatale – hübsch einheitlich bitte!

 

Genau desswegen ist femme so ein wichtiger Begriff der so schwer zu greifen ist, für mich ist FEMME ein Versuch zu sagen: wir sind nicht einheitlich, wir sind nicht ein default, nicht die Norm, nicht uniformiert sondern zerbrechlich, hart, weich, zärlich, gut, böse, gefährlich und kümmernd. Sorge tragende Monsta mit Lippenstift und ohne.

Für mich ist Femme ein Bekenntnis um aus dem geschnürten Paket „Frau-Mann FERTIG“ aufzusteigen und zu sagen:

 „ich bin fatal fragile, Madonna und Flugzeugbauer. Für mich ist femme eine Irritation der Grundannahme, das ich eine Versicherung von Maskulinität als Gegenpart darstelle.

Ein Bekenntnis in binarität zu verfallen wenn ich es will, nur um es Sekunden später zu sprengen und dir das Recht zu entziehen Ausreden zusuchen um deine Menschenfeindlichkeit an meiner Identität zu verrücksichern. Dieses Begehren andere zu normieren und zu formen, ist nämlich dein Problem. Wir eignen uns uns selber an, verzichten auf deine gruselige Verbindung von Körperteilen und Charaktereigenschaften -weil WTF, du (cis-)sesxist*in?!? o.O
Wir Femmes verbleiben so verflucht divers das ihr mit euren Definition verwirrt scheitert und danach heißt es für die_den Sphynx: es ist angerichtet!“

Ein Zine mit Femme-Poster gibts jetzt von mir dazu im SchwarzRund-Shop oder bei etsy!

P1200148

il_570xN.1247767651_ofzu

 

schreiben ermöglichen könnt ihr auch bequem via PayPal an: schwarzrund@posteo.de



Carola Hilmes: „DIE FEMME FATALE- ein weiblichkeitstypus in der nachromantischen Literatur“, 1990

 

 

One Comment

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Leidige Leitkulturdebatten, Forderungen von Lesben mit Behinderungen und Chelsea Manning kommt heute frei- kurz verlinkt

Comments are closed.